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Vom schönen Wohnen, nützlichen Gaben und kleinen Hausfrauen

Puppenstuben im Wandel der Zeit

Puppenhäuser und Puppenstuben erfreuen sich seit langer Zeit nicht nur in Kinderzimmern, sondern auch als begehrte Sammlerobjekte großer Beliebtheit. Sie sind immer auch ein Spiegel gesellschaftlicher, sozialer, modischer und technischer Wandlungsprozesse.

Puppenherd aus Gusseisen, darauf eine Gugelhupf-Kuchenform und eine Stielpfanne, erste Hälfte 20. Jahrhundert.
Foto: Weber, Peter/LVR

Im 17. und 18. Jahr­hun­dert dien­ten Pup­pen­stu­ben vor al­lem als un­ter­halt­sa­me Er­zie­hungs­mit­tel ade­li­ger jun­ger Da­men, die auf die­se Wei­se auf ih­re zu­künf­ti­ge Rol­le als Haus­halts­vor­ste­he­rin vor­be­rei­tet wer­den soll­ten. Erst im 19. Jahr­hun­dert, im Zu­ge der ge­sell­schaft­li­chen Wand­lungs­pro­zes­se, hiel­ten die Mi­nia­tur-Spiel­wel­ten Ein­zug in die Kin­der­zim­mer bür­ger­li­cher Haus­hal­te. Die meist sehr auf­wen­dig und de­tail­reich ge­stal­te­ten Häus­chen, de­ren An­schaf­fung häu­fig mit be­trächt­li­chen Aus­ga­ben ver­bun­den war, blie­ben in die­ser Zeit noch gut­bür­ger­li­chen und hö­her­ge­stell­ten Krei­sen vor­be­hal­ten. Oft bau­te man die Pup­pen­stu­ben oder -häu­ser nur an Weih­nach­ten auf, um sie nach den Fei­er­ta­gen wie­der ein­zu­pa­cken und auf dem Dach­bo­den zu ver­stau­en. Auf die­se Wei­se soll­ten die teu­ren Spiel­zeu­ge ge­schont wer­den.

Erst durch die In­dus­tria­li­sie­rung wur­den Pup­pen­stu­ben für grö­ße­re Be­völ­ke­rungs­krei­se er­schwing­lich. Wer es sich leis­ten konn­te, er­warb nun ein Ex­em­plar aus der in­dus­tri­el­len Fer­ti­gung, oder be­auf­trag­te den ört­li­chen Schrei­ner mit ei­ner ent­spre­chen­den An­fer­ti­gung, in är­me­ren Fa­mi­li­en wur­de selbst zum Werk­zeug ge­grif­fen. Es gab na­tur­ge­treu nach­ge­bil­de­te Häu­ser mit auf­klapp­ba­ren Fron­ten, aber bald auch ein­zel­ne Räu­me, z. B. kom­plett aus­ge­stat­te­te Kü­chen, die sich aus dem Ver­band des Pup­pen­hau­ses ge­löst hat­ten.

Puppenstuben als soziale Repräsentation

Kinderteller mit handkoloriertem Druckdekor: preußischer Soldat mit Kindern. Schriftzug „1914. Auch Belgier- und Franzosenkind / Des deutschen Kriegers Freunde sind.“ 1914
Foto: Gerhards, Hans-Theo/LVR

Der Er­zie­hungs­ge­dan­ke ist bei Pup­pen­häu­sern und -kü­chen of­fen­sicht­lich: klei­ne Mäd­chen soll­ten spie­le­risch auf ih­re spä­te­ren Auf­ga­ben als Haus­frau vor­be­rei­tet wer­den. Zum Üben gab es um die Jahr­hun­dert­wen­de nicht nur voll funk­ti­ons­tüch­ti­ge Koh­le­her­de mit guss­ei­ser­nen Plat­ten, die mit Koh­le­stück­chen an­ge­heizt wer­den konn­ten, son­dern auch pas­sen­de Pfan­nen, Töp­fe und Koch­löf­fel. Ei­ni­ge Herd- und Ofen­fir­men, z. B. das fran­zö­si­sche Un­ter­neh­men Les Che­mi­nées Go­din, be­gan­nen be­reits in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, zu­sätz­lich zu ih­ren Stan­dard-Pro­duk­ten, mit der Her­stel­lung von Kin­der­her­den. Die Re­zep­te konn­ten spe­zi­ell zu die­sem Zweck her­aus­ge­ge­be­nen Pup­pen-Koch­bü­chern ent­nom­men wer­den, z. B. dem „Al­ler­liebs­ten Pup­pen-Koch­buch für klei­ne Mäd­chen“ von Ma­ri­an­ne Na­ta­lie aus der Zeit um 1880. Auch mehr als 70 Jah­re spä­ter gab es, z. B. mit dem Dr. Oet­ker Koch­buch für die Pup­pen­kü­che aus dem Jahr 1956, ent­spre­chen­de An­lei­tun­gen und Zu­be­rei­tungs­hin­wei­se für ver­schie­dens­te Ge­rich­te, dar­über hin­aus auch Rat­schlä­ge zur Haus­halts­füh­rung und da­zu, wie man ei­ne „gro­ße, hüb­sche Haus­frau“ wer­den kön­ne. Ge­ges­sen wur­den die zu­be­rei­te­ten Spei­sen häu­fig vom ei­ge­nen Kin­der­ge­schirr, das eben­falls dem je­weils vor­herr­schen­den Stil des „Er­wach­se­nen-Por­zel­lan­s“ an­ge­passt war. Wäh­rend des Ers­ten und Zwei­ten Welt­kriegs fan­den sich dar­auf pa­trio­ti­sche Sprü­che und Ab­bil­dun­gen von Sol­da­ten, spä­ter, in der Nach­kriegs­zeit, ver­kauf­ten sich eher Bil­der von Bär­chen und Ent­chen oder Mer­chan­di­se-Pro­duk­te wie Früh­stückstel­ler mit Mo­ti­ven von Ja­nosch seit den spä­ten 1970er Jah­ren oder der Diddl-Maus, die An­fang der 1990er Jah­re das Licht der Welt er­blick­te.

Wandel der Zeit im Puppenhaus

Elektro-Puppenherd mit zwei Kochplatten, Backofen, drei Schaltern sowie Anschlusskabel mit Stecker aus den 1960er Jahren.
Foto: Weber, Peter/LVR

Die Pup­pen­kü­chen un­ter­la­gen, wie rich­ti­ge Kü­chen und auch die an­de­ren Räu­me des Hau­ses, dem stän­di­gen Wan­del in Stil und Mo­de so­wie den In­no­va­tio­nen der Tech­nik. So gab es in frü­hen Ex­em­pla­ren noch ge­mau­er­te Herd­stel­len, spä­ter hiel­ten erst Spar-, dann Gas- und Elek­tro­her­de Ein­zug. Auch die Mö­bel in den an­de­ren Räu­men der Pup­pen­häu­ser wan­del­ten sich mit dem Stil der Zeit, wo­bei es heu­te, ne­ben mo­dern ein­ge­rich­te­ten Häu­sern und Räu­men auch nost­al­gisch ge­stal­te­te Ex­em­pla­re im Sti­le von Grün­der­zeit­vil­len gibt.

Im Be­reich des Ma­te­ri­als fan­den im Lau­fe der Zeit eben­falls zahl­rei­che Ver­än­de­run­gen statt. So be­stan­den die Pup­pen­stu­ben um die Jahr­hun­dert­wen­de häu­fig aus Holz und wa­ren mit klei­nen Ke­ra­mik-, Stein- oder Tex­til-Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­den aus­ge­stat­tet. Ge­ra­de in we­ni­ger wohl­ha­ben­den Fa­mi­li­en wur­den sie oft selbst ge­baut oder aus­ge­stat­tet: es wur­de ge­häm­mert, ge­feilt und ge­näht, um das ei­ge­ne Pup­pen­haus mög­lichst de­tail­liert und lie­be­voll ein­zu­rich­ten. In den 1970er Jah­ren ver­brei­te­ten sich dann Pup­pen­räu­me aus Blech, bis schlie­ß­lich Kunst­stoff auch die­sen Be­reich er­ober­te.

Die Nut­zungs­mög­lich­kei­ten un­ter­la­gen eben­falls ei­nem Wan­del. Wäh­rend es sich bei Pup­pen­stu­ben der Jahr­hun­dert­wen­de meist um auf­wen­di­ge und per­fek­te Mi­nia­tu­ren ech­ter Wohn­si­tua­tio­nen han­del­te, in de­nen al­le Ge­gen­stän­de ein­zeln be­weg­bar wa­ren, wer­den in mo­der­nen Bar­bie- und Play­mo­bil-Häu­sern die Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de oft nur noch an­ge­deu­tet. So kann im „Mi­ni-Che­f“-Kü­chen-Cen­ter von Fis­her-Pri­ce aus den spä­ten 1980er Jah­ren zwar mit Speck­strei­fen und Spie­gelei aus Plas­tik ge­spielt, je­doch nicht mehr rich­tig ge­kocht, ge­bra­ten oder ge­ba­cken wer­den.

Weiterführende Literatur

LVR-Amt für rhei­ni­sche Lan­des­kun­de (ARL) (Hg.): Spiel­wel­ten der Kin­der an Rhein und Maas. Be­gleit­band und Ka­ta­log zur Aus­stel­lung des Land­schafts­ver­ban­des Rhein­land, Amt für rhei­ni­sche Lan­des­kun­de, Rhei­ni­sches Mu­se­um­s­amt in Zu­sam­men­ar­beit mit Lim­burgs Volks­kun­dig Cen­trum, Mu­sée de la vie Wal­lon­ne, Liè­ge, Mi­nis­tè­re des Af­fai­res cul­tu­rel­les Grand-Du­ché Lu­xem­bourg, Köln 1993.
 
LVR-Frei­licht­mu­se­um Kom­mern (Hg.): Kind­heit – Spiel­zeit? Füh­rer durch die Aus­stel­lung mit den Samm­lun­gen H. G. Klein und Ma­ria Jung­hanns. Köln 1993.
 

Mey­er, E. L. (Hg.): Spiel­wa­ren­ka­ta­log. E. L. Mey­er Aus­wahl Hil­des­heim um 1905, Hil­des­heim 1991.
 

Schles­wig-Hol­stei­ni­sches Lan­des­mu­se­um (Hg.): Du bist dran! Spie­len ges­tern und heu­te. Be­gleit­buch zur Aus­stel­lung. Schles­wig 1992.
 

Spiel­zeug­mu­se­um Son­ne­berg (Hg.): Spiel­zeug ges­tern und heu­te. Er­furt 1990. 

Wahn­schaf­fe, A (Hg.).: Il­lus­trier­ter Ka­ta­log für Pri­va­te über Nürn­ber­ger Spiel­wa­ren und prak­ti­sche Ge­schen­ke. Nürn­berg 1895.

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