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Vom Schiffchen zur Nadel

Wandel der Technik

Eine wichtige Innovation in der Bandweberei war der Motorenantrieb der zuvor manuell betriebenen Bandwebstühle. Durch eine zunehmende Automatisierung wurden die Geräte teurer, dies hatte eine Spezialisierung und Vergrößerung der Betriebe zur Folge. Der technische Wandel führte so auch zum Niedergang der Hausbandweberei.

Motoren betreiben die Bandwebstühle

Schlägerlade des Bandwebstuhls im LVR-Freilichtmuseum Lindlar, Lindlar 2010.
Foto: Stefan Arendt/LVR

Mit Ein­füh­rung der Dampf­ma­schi­ne er­leb­te die Band­we­be­rei zwi­schen 1850 und 1900 ei­nen gro­ßen Um­bruch. Web­ten die Band­we­ber ih­re Bän­der zu­vor auf seit 300 Jah­ren na­he­zu un­ver­än­der­ten hand­be­trie­be­nen Band­web­stüh­len, so er­mög­lich­te die Aus­rüs­tung der Be­trie­be mit Trans­mis­si­ons­an­la­gen nun den An­schluss an die neue Kraft­quel­le. Doch der Er­werb ei­ner gro­ßen und teu­ren Dampf­ma­schi­ne kam nur für we­ni­ge Haus­band­we­ber in Fra­ge. Als güns­ti­ge­re Al­ter­na­ti­ve ent­stan­den Miet­fa­bri­ken, die ge­gen ein ge­rin­ges Ent­gelt Stell­plät­ze mit aus­rei­chen­der En­er­gie­ver­sor­gung zur Ver­fü­gung stell­ten. Auch vie­le Ver­le­ger er­kann­ten die Vor­tei­le des me­cha­ni­schen Be­triebs. Sie schaff­ten sich ei­ge­ne Band­web­stüh­le an und lie­ßen ih­re Ar­bei­ter in schnell wach­sen­den Fa­brik­an­la­gen ein­fa­che Bän­der, die so­ge­nann­te Sta­pel­wa­re, her­stel­len.

Der Ein­satz von Dampf­ma­schi­nen konn­te die zahl­rei­chen Haus­band­we­be­rei­en je­doch nur zeit­wei­se schwä­chen. Schon zum En­de des 19. Jahr­hun­derts er­mög­lich­ten er­schwing­li­che Gas­mo­to­ren den me­cha­ni­schen Be­trieb von Band­web­stüh­len in den ei­ge­nen vier Wän­den. In der Band­we­ber­stadt Wup­per­tal-Rons­dorf bei­spiels­wei­se lief be­reits 1894 je­der fünf­te Band­web­stuhl in der Hei­m­in­dus­trie mit ei­nem ent­spre­chen­den An­trieb. Mit der fort­schrei­ten­den Tech­ni­sie­rung und Elek­tri­fi­zie­rung er­setz­ten ers­te Elek­tro­mo­to­ren die gas­be­trie­be­nen Va­ri­an­ten. In Rons­dorf be­gann die­ser Pro­zess mit dem Bau des lo­ka­len Elek­tri­zi­täts­werks im Jahr 1899. Für et­wai­ge Pro­ble­me mit der neu­en Tech­nik fan­den sich die ört­li­chen Mo­to­ren­be­sit­zer, un­ter ih­nen Au­gust Thie­mann, so­gar in ei­nem ei­ge­nen Ver­ein, dem „Ver­ein der Elek­tro­mo­to­ren­be­sit­zer Rons­dor­f“, zu­sam­men.

Auch in den an­de­ren Städ­ten der Re­gi­on ent­stan­den nach und nach kom­mu­na­le Elek­tri­zi­täts­wer­ke, die ein Strom­netz auf­bau­ten . Vie­le Ge­mein­den ver­mit­tel­ten für die An­schaf­fung ei­nes Mo­tors güns­ti­ge Kre­di­te, die die Ent­schei­dung für ei­ne solch er­heb­li­che In­ves­ti­ti­on er­leich­tern soll­ten. Gleich­zei­tig ver­lie­ßen im­mer mehr We­ber ih­re al­ten, be­eng­ten Wirk­kam­mern und er­wei­ter­ten ih­re Wohn­häu­ser um an­ge­bau­te Werk­stät­ten. In den so ge­nann­ten Sheds konn­ten mit nur ei­nem Mo­tor meh­re­re Band­web­stüh­le be­trie­ben wer­den.

Automatisierung führt zu weiterem Wachstum der Betriebe

Arbeiterin an einer Spulmaschine, auf der das Garn vor dem Spulen aufgerollt wird. Bergisches Land, um 1910.
Foto: unbekannt/LVR

Bis 1913 war der Über­gang zum me­cha­ni­schen Be­trieb ab­ge­schlos­sen. Die Ar­beits­wei­se än­der­te sich bis nach dem Zwei­ten Welt­krieg nur ge­ring­fü­gig. Erst An­fang der 1950er Jah­re be­ding­te der Na­del­au­to­mat ei­ne nach­hal­ti­ge Wand­lung im Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren. Die in den USA ent­wi­ckel­te Neue­rung nutzt zum Füh­ren des Schuss­fa­dens durch das Fach ei­ne Na­del an­statt des Schiff­chens. Da­bei ent­ste­hen so­wohl ei­ne mit ei­nem Hilfs­fa­den ver­hä­kel­te als auch ei­ne ge­web­te Kan­te. Zu­dem sorgt ei­ne au­to­ma­ti­sche Fa­den­über­wa­chung bei ei­nem Feh­ler für ei­ne selbst­tä­ti­ge Ab­schal­tung des Au­to­ma­ten. Ein Band­we­ber kann da­durch ei­ne hö­he­re An­zahl an Au­to­ma­ten gleich­zei­tig be­die­nen und über­wa­chen. Der Band­we­ber An­dre­as H. kon­trol­liert heu­te bei­spiels­wei­se zehn Ma­schi­nen gleich­zei­tig.

In Deutsch­land tauch­ten die ers­ten Na­del­au­to­ma­ten 1959 auf der In­ter­na­tio­na­len Mes­se für Tex­til­ma­schi­nen in Han­no­ver auf. Je­doch stell­ten die Haus­band­we­ber ih­re Be­trie­be auf Grund der ho­hen In­ves­ti­ti­ons­kos­ten nur lang­sam auf die neu­en Ma­schi­nen um. Erst 1979 ver­öf­fent­lich­te der „Ver­band Ber­gi­scher Band­we­ber­meis­ter e.V.“ ei­ne Lohn­lis­te für an Na­del­au­to­ma­ten her­ge­stell­te Bän­der. Selbst 1986 kommt ei­ne Be­fra­gung noch zu dem Er­geb­nis, dass nur je­der drit­te Haus­band­we­ber ei­nen sol­chen Au­to­ma­ten be­saß.

Technik der Bandweberei heute

Moderne Bandweberei: Spulgestell mit Garnrollen in verschiedenen Farben, im Hintergrund zwei Bandwebstühle. Wuppertal 2013.
Foto: Stephanie Herden/LVR

Mitt­ler­wei­le be­stim­men mo­der­ne Band­we­be­rei­en den Markt. Ne­ben den schnel­len, voll­au­to­ma­ti­schen Na­del­au­to­ma­ten we­ben Breit­web­ma­schi­nen wie Heiß­schnei­de­stüh­le, Grei­fer- oder Luft­dü­sen­web­ma­schi­nen in ho­her Ge­schwin­dig­keit brei­te Stü­cke und schnei­den die­se dann voll­au­to­ma­tisch in Strei­fen. Das Prin­zip wird zum Bei­spiel in der Eti­ket­ten­pro­duk­ti­on an­ge­wandt. Hier wer­den die Kan­ten nicht mehr ver­webt, son­dern ver­schmol­zen. Doch ganz oh­ne die al­ten Band­web­stüh­le geht es auch heu­te nicht. Na­del­au­to­ma­ten und Breit­web­ma­schi­nen sind für man­che Pro­duk­te oder kom­pli­zier­te Mus­ter nicht ge­eig­net.

Spe­zi­el­le Ar­ti­kel, wie zum Bei­spiel rund­ge­web­te Fil­ter und fei­ne Eti­ket­ten für Klei­dungs­stü­cke und Wä­sche, be­nö­ti­gen nach wie vor zwei ech­te Web­kan­ten. Da­her ste­hen auch in hoch­mo­der­nen Band­we­be­rei­en nach wie vor ei­ni­ge der al­ten Schiff­chen-Band­web­stüh­le – man­che da­von über 100 Jah­re alt. Der Be­rufs­stand der Haus­band­we­ber ist hin­ge­gen na­he­zu aus­ge­stor­ben. Die ho­hen Kos­ten für tech­ni­sche In­no­va­tio­nen und das da­mit ver­bun­de­ne wirt­schaft­li­che Ri­si­ko hiel­ten die ver­blie­be­nen Haus­band­we­ber da­von ab, ihr Ge­wer­be zu mo­der­ni­sie­ren und kon­kur­renz­fä­hig zu wirt­schaf­ten.

Weiterführende Literatur

Spulgestell mit Fäden, welche von dort in geordneten Lagen und einheitlicher Länge am Bandwebstuhl zusammenlaufen. Dhünn 1975.
Foto: Gabriel Simons/LVR

Bandwebstuhl, vor 1960.
Foto: Sabine König/LVR

Hei­der­mann, Horst: Die Haus­in­dus­trie in der Ber­gi­schen Band­we­be­rei. Ein Bei­trag zur Un­ter­neh­mens­mor­pho­lo­gie. Göt­tin­gen 1960.

Kon­rad, Gün­ter: Die Haus­band­wir­ke­rei in Rons­dorf. Auf­stieg und Nie­der­gang ei­nes Ge­wer­be­zwei­ges. In: Ge­schich­te im Wup­per­tal. 10. Jahr­gang. 2001.

Schacht­ner, Sa­bi­ne: Mär­ki­sche Haus­band­we­ber. Müns­ter 1986.

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