Um den Tod haben sich gesellschaftlich die unterschiedlichsten Umgangsformen, Kulturpraktiken und Glaubensvorstellungen entwickelt und dabei im Laufe der Zeit auch immer wieder Änderungen erfahren. Auch im Rheinland hat der Umgang mit dem Thema in den letzten Jahrhunderten vielerlei Transformationen durchlaufen.
Vom Umgang mit dem Tod
In unserer modernen, säkularisierten Welt ist die Beziehung zum Tod sehr ambivalent geworden. Wird der Tod in unserer privaten Welt oft tabuisiert und ausgeblendet, ist er in täglichen Nachrichten, fiktionalen Spielfilmen und Büchern oder in Computerspielen omnipräsent. Zudem haben eine zunehmende Glaubensabwendung einerseits und stetige Individualisierungsprozesse andererseits seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts neue Blickwinkel auf „Leben“ und „Tod“ eröffnet: Während bis ins 20. Jahrhundert hinein das irdische Leben oft als kurzzeitiges „Jammertal“ betrachtet wurde, in dem es galt, ein gottesfürchtiges Dasein zu führen, um nach dem Tod das ewige Leben im Reiche Gottes zu erlangen, steht heute für die meisten Menschen die Erfüllung im Hier und Jetzt im Vordergrund, ohne einen Gedanken an die eigene Sterblichkeit und an ein Leben nach dem Tod zu verschwenden.
Die zunehmende soziale Entfremdung vom Tod und immaterielles Totengedenken
Die Allgegenwärtigkeit des Todes war bis zum 20. Jahrhundert noch sehr real. Krankheitsepidemien aufgrund fehlender Hygiene und begrenzter medizinischer Möglichkeiten, eine hohe Kindersterblichkeit, verheerende Sozial- und Arbeitsbedingungen sind nur einige der Gründe, weshalb sich die Menschen dem stetigen Bewusstsein des Todes ausgesetzt sahen. Wohl nicht zuletzt wegen dieser Allgegenwärtigkeit waren viele Tod- und Trauerbräuche im Rheinland noch sozial integriert und gesellschaftlich sichtbar, sei es die Aufbahrung Verstorbener im Sterbezimmer oder der „guten Stube“, die Totenwache, das Läuten der Totenglocke im Ort oder der öffentliche Leichenzug vom Haus über die Kirche zum Friedhof: Bräuche, die zum immateriellen Totengedenken zählen. Die bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts ausgeführte Totenfürsorge durch Angehörige und Mitbürger wurde erst mit Urbanisierung und Industrialisierung sukzessiv von professionellen Bestattern übernommen. Neue Hygienegesetze sowie die Trennung von staatlicher Verwaltung und Kirche führten zu neuen Reglementierungen im Umgang mit Verstorbenen. Der zuvor noch familiär-gemeinschaftlich integrierte Tod verlagerte sich in eine neue, aber auch von den Angehörigen abgekoppelte Berufssparte. Somit erfuhr der Tod eine soziale Entfremdung und Distanzierung vom Lebenszyklus.
Materielles Totengedenken
Neben den genannten immateriellen Gemeinschaftshandlungen rund um Totenbräuche gibt es auch materielle Objekte der Erinnerungskultur. Natürlich kann jeder persönliche Gegenstand eines Verstorbenen dem Totengedenken dienen, wenn er für die Hinterbliebenen eine persönlich-ideelle Verbindung zum Verschiedenen schafft. Allerdings entwickelten sich auch kulturell unterschiedlichste institutionalisierte Formen des Totengedenkens. Im katholischen Rheinland gehörten hierzu die seit etwa dem 18. Jahrhundert belegten Totenzettel oder die bei beiden Konfessionen im 19. Jahrhundert beliebten Haarbilder von Verstorbenen, die als Kastenbilder ebenso beliebter Lebenszyklus-Wandschmuck waren wie Kommunions- bzw. Konfirmationsurkunden oder Hochzeitsbilder.
Exkurs: Der Tod im Krieg
Natürlich spielt der Tod auch eine zentrale Rolle in militärischen Konflikten. Das massenhafte und gewaltsame Sterben in Kriegen entindividualisiert den Tod, macht ihn lediglich zu einem Vorgang und einer bloßen Zahl von Kriegstoten, die meist in völliger Anonymität eines Militärverbandes gefallen sind. Viele Kriegsteilnehmer, wie etwa der Eifel-Maler Anton Keldenich, verarbeiteten Kriegs- und Todeserfahrungen in ihren Kunstwerken. Diese Anonymität des Sterbens spiegelt sich auch in Vermisstenlisten aus dem Zweiten Weltkrieg. So suchte das DRK in der Nachkriegszeit (und bis heute) nach über 1 Millionen Soldaten und Zivilisten, die als vermisst galten und deren Schicksal und Tod für die Hinterbliebenen oftmals nicht in Erfahrung gebracht werden konnte.****
Weiterführende Literatur:
Hänel, Dagmar: Letzte Reise. Vom Umgang mit dem Tod im Rheinland, Köln 2009.
Landschaftsverband Westfalen Lippe (Hrsg.): Abschied nehmen. Sterben, Tod und Trauer, Münster 2022.
Wrede, Adam: Eifeler Volkskunde, 3. Auflage, Würzburg 1983.