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Heimarbeit und Verlagssystem

Mit Heimarbeit – auch Hausindustrie oder Hausgewerbe genannt – bezeichnet man eine Form der Erwerbsarbeit, die sich im Zuge der frühen Industrialisierung herausgebildet hat, und der eine spezifische Arbeitsteilung zwischen Handwerkern und Unternehmern zugrunde lag.

Arbeitsteilung zwischen Verlegern und Heimarbeitern

Werkstatt Bandweberhaus im Museum, 2000
Foto: Hans-Theo Gerhards/LVR

Cha­rak­te­ris­tisch für die­se Art des Ar­beits­ver­hält­nis­ses war, dass die Heim­ar­bei­ter von Fir­men und Fa­bri­ken Ar­beits­auf­trä­ge zur Her­stel­lung von Wa­ren er­hiel­ten. Hier­bei wur­den dem Heim­ar­bei­ter vom Auf­trag­ge­ber ne­ben An­ga­ben zur an­zu­fer­ti­gen­den Wa­re und de­ren Stück­zahl auch die zu ver­ar­bei­ten­den Roh­stof­fe für die Pro­duk­te zur Ver­fü­gung ge­stellt. Da die be­auf­tra­gen­den Un­ter­neh­mer frü­her auch „Ver­le­ger“ ge­nannt wur­den, eta­blier­te sich für die­se wirt­schaft­li­che Or­ga­ni­sa­ti­ons­form die Be­zeich­nung „Ver­lags­sys­te­m“. Der Ar­beits­platz der Haus­in­dus­tri­el­len be­fand sich nicht sel­ten im ei­ge­nen Wohn­haus, und die zur Pro­dukt­her­stel­lung be­nö­tig­ten Werk­zeu­ge und Ma­schi­nen ge­hör­ten dem Heim­ar­bei­ter in der Re­gel selbst. Um 1900 ka­men dann zahl­rei­che Miet­fa­bri­ken auf, die Ar­bei­ter mie­te­ten Raum und Ge­rä­te, um für ih­ren Ver­le­ger zu pro­du­zie­ren. Auch in Zei­ten von Ar­beits­lo­sig­keit und Un­ter­be­schäf­ti­gung fie­len hier Miet­kos­ten an und selbst bei gu­ter Be­schäf­ti­gungs­la­ge um­fass­ten die Aus­ga­ben fast die Hälf­te des Ar­beits­lohns. Vor al­lem für tech­ni­sche Neue­run­gen, die zu teu­er wa­ren um sie in der ei­ge­nen Werk­statt an­zu­schaf­fen, wur­den Plät­ze in Miet­fa­bri­ken ge­mie­tet: Um et­wa den Band­we­bern die Um­stel­lung von ei­nem hand­be­trie­be­nen auf ei­nen me­cha­ni­schen Be­trieb mit Gas- oder Elek­tro­mo­to­ren zu er­mög­li­chen, schaff­ten man­che Kom­mu­nen um 1900 ei­ge­ne Web­stüh­le an, um sie an die Haus­band­we­ber zu ver­mie­ten. Die­se konn­ten so auf ei­ne mo­der­ne­re Be­triebs­wei­se um­stei­gen, oh­ne ein ho­hes fi­nan­zi­el­les Ri­si­ko ein­ge­hen zu müs­sen.

Vertriebssystem

Hausbandweber am Bandwebstuhl. Dhünn 1975.
Foto: Gabriel Simons/LVR

Die vom Haus­in­dus­tri­el­len fer­tig­ge­stell­ten Pro­duk­te gin­gen an den Ver­le­ger zu­rück, der die Wa­ren dann ver­äu­ßer­te. Ih­ren Ar­beits­lohn, des­sen Hö­he vor der Auf­trags­ver­ga­be aus­ge­han­delt wur­de – in der Re­gel wur­de da­bei nicht die Ar­beits­zeit, son­dern die pro­du­zier­te Stück­zahl ver­gü­tet - , er­hiel­ten die Heim­ar­bei­ter vom Auf­trag­ge­ber. Die Haus­in­dus­tri­el­len nah­men so häu­fig lan­ge Ar­beits­zei­ten in Kauf, bei Krank­heit oder wenn das Ar­beits­ge­rät nicht funk­tio­nier­te be­ka­men sie kei­nen Lohn. Auf­grund der be­nö­tig­ten Roh­stof­fe und den feh­len­den Be­sitz­rech­ten an den von ih­nen her­ge­stell­ten Pro­duk­ten wa­ren die­se Lohn­ar­bei­ter in ho­hem Ma­ße von den Ver­le­gern ab­hän­gig. Die wirt­schaft­li­che Or­ga­ni­sa­ti­ons­form des Ver­lags­sys­tems mit „selbst­stän­di­gen Lohn­ar­bei­tern“ bot den Un­ter­neh­mern die Mög­lich­keit, kurz­fris­tig, fle­xi­bel und kos­ten­güns­tig auf neu­ar­ti­ge und sai­so­na­le Be­dürf­nis­se des Mark­tes zu re­agie­ren. So ga­ben sie bei Heim­ar­bei­tern vor al­lem Wa­ren in Auf­trag, die nur für ei­nen ab­schätz­ba­ren Zeit­raum pro­du­ziert wer­den soll­ten oder star­ken Nach­fra­ge­schwan­kun­gen un­ter­la­gen, da es sich für den Un­ter­neh­mer nicht lohn­te, in teu­re Spe­zi­al­ma­schi­nen zu in­ves­tie­ren und hier­an aus­ge­bil­de­te Hand­wer­ker dau­er­haft in Stel­lung zu neh­men. Nur bei vol­ler Ka­pa­zi­täts­aus­las­tung ih­rer Fa­bri­ken ver­ga­ben die Un­ter­neh­mer auch Auf­trä­ge an Heim­ar­bei­ter für so­ge­nann­te Sta­pel­wa­re, al­so Pro­duk­te, die kei­nen stän­di­gen Nach­fra­ge­schwan­kun­gen und Mo­de­trends un­ter­la­gen und die „auf La­ger“ pro­du­ziert wer­den konn­ten.

Niedergang des Verlagssystems in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Tarif-Vertrag für die in Heimarbeit Beschäftigten in der Bandweberei. 1969.
Foto: Sabine König/LVR

Heim­ar­beit und Ver­lags­sys­tem ha­ben im Ver­lauf der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts stark an Be­deu­tung ein­ge­bü­ßt und sind heu­te prak­tisch kaum noch von Be­deu­tung. Hier­bei spielt vor al­lem die Aus­la­ge­rung von Pro­duk­ti­ons­stät­ten für Mas­sen­ar­ti­kel in au­ßer­eu­ro­päi­sche Re­gio­nen – wo zwar bil­li­ger, aber viel­fach qua­li­ta­tiv min­der­wer­tig pro­du­ziert wird – ei­ne zen­tra­le Rol­le. Par­al­lel da­zu wur­den die Pro­duk­ti­ons­mit­tel für die Heim­ar­bei­ter mit fort­schrei­ten­der Tech­ni­sie­rung und Au­to­ma­ti­sie­rung im­mer kos­ten­in­ten­si­ver, wie et­wa in­ner­halb der Haus­band­we­be­rei mit Ein­füh­rung der Na­del­au­to­ma­ten.

Weiterführende Literatur

Bett­ger, Ro­land : Ver­lags­we­sen, Hand­werk und Heim­ar­beit. In: Grimm, Claus (Hrsg.): Auf­bruch ins In­dus­trie­zeit­al­ter. Mün­chen 1985.

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