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Ausbildung und Winterschulen

Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Winterschulen im Rheinland

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Voraussetzungen für die Schulbildung besonders in den ländlichen Gebieten Deutschlands oft schlecht oder gar nicht gegeben. Dies galt auch für das Rheinland, das ab 1815 zum preußischen Staat gehörte. Zwar hatte die preußische Regierung schon 1717 die allgemeine Schulpflicht eingeführt, doch waren die Elementarschulen und deren Lehrer meist finanziell unterversorgt. Darüber hinaus war es vielen Familien aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage oder der großen räumlichen Entfernung nicht möglich, ihren Kindern den Schulbesuch zu erlauben.

Die Anfänge des landwirtschaftlichen Schulwesens im 19. Jahrhundert

Lehrbuch: Beiträge zur Forstwissenschaft, 1. Heft, 1842
Foto: Suzy Coppens/LVR

Die ge­sell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen des 19. Jahr­hun­derts lie­ßen die Schul­bil­dung im­mer stär­ker in den Fo­kus der Po­li­tik rü­cken. Die be­gin­nen­de In­dus­tria­li­sie­rung und der tech­ni­sche Fort­schritt stei­ger­ten den Be­darf an qua­li­fi­zier­ten Ar­beits­kräf­ten in In­dus­trie und Hand­werk. Dar­über hin­aus sorg­ten ho­he Ge­bur­ten­ra­ten ab 1820 für ei­ne er­heb­li­che Be­völ­ke­rungs­zu­nah­me im Rhein­land. Dem­entspre­chend wur­den die För­de­rung der Land­wirt­schaft und die Stei­ge­rung der Er­trä­ge im­mer wich­ti­ger, um ei­ne aus­rei­chen­de Ver­sor­gung der Men­schen mit Nah­rung zu ge­währ­leis­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund soll­te auch die Aus­bil­dung der künf­ti­gen Land­wir­te ver­bes­sert wer­den. Zu die­sem Zweck ent­stan­den in ganz Deutsch­land zahl­rei­che land­wirt­schaft­li­che Ver­ei­ne. In der Rhein­pro­vinz et­wa wur­de 1832 der land­wirt­schaft­li­che Ver­ein für Rhein­preu­ßen ins Le­ben ge­ru­fen. Dank sei­ner In­itia­ti­ve ver­bes­ser­te sich das land­wirt­schaft­li­che Bil­dungs­we­sen in den dar­auf­fol­gen­den Jahr­zehn­ten we­sent­lich.
Be­reits seit den 1830er Jah­ren exis­tier­ten im Rhein­land so­ge­nann­te Acker­bau­schu­len. Die­se wa­ren meist mit ei­nem land­wirt­schaft­li­chen Be­trieb ver­bun­den und bo­ten ei­nen zwei­jäh­ri­gen prak­ti­schen und theo­re­ti­schen Un­ter­richt für an­ge­hen­de Land­wir­te an. Da die­se Schu­len aber ei­nen ganz­jäh­ri­gen Un­ter­richt ab­hiel­ten und nur wohl­ha­ben­de Fa­mi­li­en in der La­ge wa­ren, für die Dau­er der Aus­bil­dung auf die Mit­hil­fe ih­rer Söh­ne auf dem ei­ge­nen Hof zu ver­zich­ten, war der An­drang recht ge­ring. An­dern­orts bo­ten auch Wan­der­leh­rer mit the­ma­ti­schen Vor­trags­rei­hen ei­nen ers­ten Schritt zur be­ruf­li­chen Fort­bil­dung. 

Die landwirtschaftlichen Winterschulen

Denkschrift über die Entwicklung des landwirtschaftlichen Winterschulwesens und Wanderlehrtums in der Rheinprovinz in den letzten 25 Jahren, 1905
Foto: Suzy Coppens/LVR

Die land­wirt­schaft­li­chen Ver­ei­ne er­kann­ten die Un­zu­läng­lich­keit der Acker­bau­schu­len und be­gan­nen, auch im Auf­trag der preu­ßi­schen Re­gie­rung, mit der Ein­rich­tung ei­ner neu­en Schul­form, der so­ge­nann­ten land­wirt­schaft­li­chen Win­ter­schu­le. Die­se sah ei­nen durch­ge­hen­den Un­ter­richt von No­vem­ber bis März vor, so­dass die Schü­ler in den Som­mer­mo­na­ten im Be­trieb ih­rer Fa­mi­li­en mit­ar­bei­ten konn­ten. Die ein­zi­ge Auf­nah­me­be­din­gung be­stand im Ab­schluss der Ele­men­tar­schu­le. Bei die­sem Kon­zept wa­ren der Staat und die Kom­mu­nen an der Fi­nan­zie­rung der Schu­len mit­be­tei­ligt. In der An­fangs­zeit stan­den vor al­lem Rech­nen und Deutsch so­wie Be­triebs­leh­re, Buch­füh­rung, Che­mie, Phy­sik, Bo­den­kun­de, Pflan­zen­kun­de und Tier­zucht auf dem Lehr­plan. Die Lehr­tä­tig­keit über­nah­men häu­fig frü­he­re Wan­der­leh­rer.
Die ers­te land­wirt­schaft­li­che Win­ter­schu­le in der Rhein­pro­vinz wur­de 1870 in Sankt Wen­del er­öff­net, ein Jahr spä­ter folg­te ei­ne zwei­te in Sim­mern. 1875 ent­stand auch im Ber­gi­schen Land ei­ne ers­te Win­ter­schu­le in Gum­mers­bach. Ihr Ein­zugs­ge­biet um­fass­te die Krei­se Gum­mers­bach, Wald­bröl, Wip­per­fürth, Mühl­heim am Rhein und den Sieg­kreis. Wei­te­re Schu­len ent­stan­den 1879 in Wülfrath und 1888 in Len­nep bei Rem­scheid so­wie in Ra­tin­gen und Xan­ten. Im Jahr 1900 über­nahm die Land­wirt­schafts­kam­mer für die Rhein­pro­vinz die Trä­ger­schaft für die mitt­ler­wei­le 29 Win­ter­schu­len im Rhein­land. Spä­ter wur­den sie Land­wirt­schafts­schu­len ge­nannt.

Ausbau des Bildungswesens im 20. Jahrhundert und das Bildungsangebot für Frauen

Lehrbuch: Walther's Landwirtschaftliche Tierheilkunde, 1929
Foto: Suzy Coppens/LVR

In der Zeit zwi­schen den bei­den Welt­krie­gen er­fuhr das land­wirt­schaft­li­che Schul­we­sen ei­nen enor­men Auf­schwung und auch die Schü­ler­zah­len nah­men ste­tig zu. Die Er­fah­run­gen der Hun­ger­jah­re und der Wirt­schafts­kri­se nach dem Ers­ten Welt­krieg lie­ßen die För­de­rung der Land­wirt­schaft durch ei­ne so­li­de Be­rufs­aus­bil­dung wich­ti­ger denn je er­schei­nen. In der Wei­ma­rer Re­pu­blik wur­de so­mit erst­mals auch die schu­li­sche Aus­bil­dung jun­ger Bäue­rin­nen sys­te­ma­tisch ge­för­dert. An die­se Po­li­tik knüpf­te auch das NS-Re­gime an. So exis­tier­ten im Jahr 1940 rund 70 Land­wirt­schafts­schu­len im Rhein­land. Nach der Aus­glie­de­rung der Re­gie­rungs­be­zir­ke Ko­blenz und Trier wa­ren es noch 42. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de an ei­nem schnel­len Wie­der­auf­bau der Bil­dungs­an­stal­ten ge­ar­bei­tet. Ob­wohl die Mehr­heit der Schul­ge­bäu­de teil­wei­se oder ganz zer­stört war, konn­ten im Schul­jahr 1947/48 al­le 42 Ein­rich­tun­gen wie­der in Be­trieb ge­nom­men wer­den.
War der Schul­be­such im 19. Jahr­hun­dert zu­nächst nur männ­li­chen Schü­lern vor­be­hal­ten, führ­te die Land­wirt­schafts­kam­mer für die Rhein­pro­vinz 1925 die ers­te Mäd­chen­klas­se in Len­nep ein. Kurz dar­auf folg­ten auch an­de­re Schu­len wie in Hen­nef und Lind­lar die­sem Bei­spiel. Die jun­gen Frau­en er­hiel­ten Un­ter­richt in Haus­wirt­schafts­leh­re so­wie Kran­ken- und Säug­lings­pfle­ge. Der Lehr­plan ent­hielt aber auch land­wirt­schaft­li­che Fä­cher wie Vieh­hal­tung, Gar­ten­bau, Buch­füh­rung und Ge­schäfts­ver­kehr. Trotz­dem spie­gel­te sich im Auf­bau und Ab­lauf der Aus­bil­dung für Bäue­rin­nen die da­ma­li­ge Vor­stel­lung der Rol­len­ver­tei­lung im land­wirt­schaft­li­chen Be­trieb wi­der. Noch bis in die 1960er Jah­re la­gen die Schwer­punk­te der Aus­bil­dung im Be­reich der fa­mi­liä­ren Auf­ga­ben so­wie der Er­näh­rung und der Haus­ar­beit. Au­ßer­dem blie­ben die Mäd­chen­klas­sen stets ei­ne se­pa­ra­te Ein­rich­tung im Schul­be­trieb, die von Haus­wirt­schafts­leh­re­rin­nen ge­lei­tet wur­den. Erst mit dem In­kraft­tre­ten des Be­rufs­bil­dungs­ge­set­zes im Jahr 1969 wan­del­ten sich der Aus­bil­dungs­weg und so auch das Be­rufs­bild der Land­wir­tin zu­neh­mend.

Die Entwicklung des Schulwesens seit 1950

Lehrbuch: Der neuzeitliche Bauernhof und seine technischen Einrichtungen, 1965
Foto: Suzy Coppens/LVR

Der Hö­he­punkt wur­de Mit­te der 1950er Jah­re mit über 3000 Schü­lern im Ge­biet der Land­wirt­schafts­kam­mer Rhein­land er­reicht. Dar­un­ter be­fan­den sich auch 800 Schü­le­rin­nen in ins­ge­samt 36 Mäd­chen­klas­sen. Mit dem Struk­tur­wan­del in der deut­schen Land­wirt­schaft gin­gen je­doch die Schü­ler­zah­len in den Fol­ge­jah­ren ste­tig zu­rück. Gleich­zei­tig wur­den mit dem Be­rufs­bil­dungs­ge­setz von 1969 die land­wirt­schaft­li­chen Bil­dungs­an­ge­bo­te ver­ein­heit­licht und dem all­ge­mei­nen schu­li­schen Bil­dungs­sys­tem in Deutsch­land an­ge­passt. Heu­te kön­nen an­ge­hen­de Land­wir­tin­nen und Land­wir­te ver­schie­de­ne We­ge des Be­rufs­ein­stiegs wäh­len. Ein ers­ter Schritt ist die drei­jäh­ri­ge Be­rufs­aus­bil­dung zur Land­wir­tin oder zum Land­wirt im dua­len Sys­tem an ei­nem Be­rufs­kol­leg und in ei­nem Be­trieb. An­schlie­ßend be­ste­hen ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten der wei­te­ren be­ruf­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on, von der Wei­ter­bil­dung zum staat­lich ge­prüf­ten Agrar­be­triebs­wirt bis hin zum Hoch­schul­stu­di­um.

Weiterführende Literatur

Bü­sch­ner, Karl: Ent­ste­hung und Ent­wick­lung des land­wirt­schaft­li­chen Bil­dungs­we­sens in Deutsch­land, Müns­ter 1996.

In­het­veen, Hei­de; Bla­sche, Mar­g­ret: Frau­en in der klein­bäu­er­li­chen Land­wirt­schaft. Op­la­den 1983.

Ma­je­w­ski, Rut; Walt­her, Do­ro­thea: Land­frau­en­all­tag in Schles­wig-Hol­stein im 20. Jahr­hun­dert. (Stu­di­en zur Volks­kun­de und Kul­tur­ge­schich­te Schles­wig-Hol­steins, Bd. 32), Neu­müns­ter 1996.

We­ber-Kel­ler­mann, In­ge­borg: Land­le­ben im 19. Jahr­hun­dert. Mün­chen 1987.

Ue­köt­ter, Frank: Die Wahr­heit ist auf dem Feld. Ei­ne Wis­sens­ge­schich­te der deut­schen Land­wirt­schaft, 2. Auf­la­ge, Göt­tin­gen 2012.

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