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Baukästen, Brettspiele, Konsolen

Spielzeug als Unterhaltungsmedium und Spiegel des Zeitgeistes

Spielzeug ist mehr als ein bloßer Zeitvertreib für Kinder. In Baukästen, Puppen und Gesellschaftsspielen drücken sich oftmals zeitgenössische Charakteristiken, Normen und Wunschvorstellungen der Menschen aus.

Kinderspiel und Spielzeug

Puppe, 1920 - 1939
Foto: Hans-Theo Gerhards/LVR

Bis in das 20. Jahr­hun­dert hin­ein fan­den Kin­der­spie­le vor al­lem im Frei­en statt. Das für spie­le­ri­sche Ak­ti­vi­tä­ten be­nö­tig­te Ge­rät wur­de von den Kin­dern oder El­tern meist selbst her­ge­stellt, wie bei­spiels­wei­se Bäl­le aus Wol­le und Lum­pen. Auch All­tags­ge­gen­stän­de und Klei­dungs­stü­cke, wie et­wa zu ei­nem Schlit­ten um­funk­tio­nier­te Holz­schu­he, wur­den als Spiel­ge­rät zweck­ent­frem­det. Zu­dem ka­men vie­le be­lieb­te Kin­der­spie­le wie Fan­gen oder Ver­ste­cken gänz­lich oh­ne Spiel­ma­te­ri­al aus. Ge­kauf­tes Spiel­zeug war für die al­ler­meis­ten Kin­der auf dem Land und im Ar­bei­ter­mi­lieu ein be­gehr­tes, aber ein für die El­tern nicht fi­nanz­ba­res Gut. Um 1900 war die Spiel­zeug­pro­duk­ti­on noch aus­schlie­ß­lich für die Kin­der­zim­mer des wohl­si­tu­ier­ten Bür­ger­tums ge­dacht.

Spielzeugproduktion

Leiterspiel, 1950er Jahre.
Foto: Hans-Theo Gerhards/LVR

In Heim­ar­beit her­ge­stell­te Pup­pen aus Thü­rin­gen oder Blech­spiel­zeug aus Nürn­berg – An­fang des 20. Jahr­hun­derts war Deutsch­land mit re­gio­na­len Schwer­punkt­zen­tren welt­weit der wich­tigs­te und grö­ß­te Pro­du­zent von Spiel­wa­ren al­ler Art. 1907 stell­ten 6.000 Be­trie­be mit über 30.000 Be­schäf­tig­ten Holz- und Stein­bau­käs­ten, Pup­pen und Ge­sell­schafts­spie­le her. Brett­spiel­klas­si­ker wie „Hal­ma“, das „Lei­ter­spiel“ oder „Mensch är­ge­re dich nich­t“ ka­men um 1900 auf den Markt, als im­mer brei­te­re Be­völ­ke­rungs­schich­ten in den Städ­ten über mehr Frei­zeit ver­füg­ten. Erst ab den 1920er Jah­ren, als auch in an­de­ren Län­dern die Spiel­zeug­pro­duk­ti­on an­stieg, ver­lor Deutsch­land sei­ne Do­mi­nanz auf dem Spiel­zeug­markt. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg fan­den im ge­sam­ten Spiel­zeug­sek­tor re­vo­lu­tio­nä­re Ver­än­de­run­gen statt. Ab den 1950er und 1960er Jah­ren be­gann der Sie­ges­zug der aus Kunst­stoff pro­du­zier­ten Le­go­stei­ne, die vie­le der bis­he­ri­gen Bau­käs­ten aus Holz, Stein und Me­tall vom Markt ver­dräng­ten. Bei den Pup­pen er­ober­te ab 1964 „Bar­bie“ den deut­schen Markt und trans­por­tier­te den ame­ri­ka­ni­schen Le­bens­stil in Sa­chen Mo­de und Schön­heits­ide­al in vie­le Kin­der­zim­mer. Im Be­reich der Ge­sell­schafts­spie­le ist ein Boom der Brett­spie­le ab den 1970er Jah­ren zu ver­zeich­nen, als ein bis heu­te an­hal­ten­der Trend zu kom­ple­xe­ren Spie­len mit the­ma­tisch un­be­grenz­ter Viel­falt ein­setz­te. Ein neu­er Sek­tor ent­stand im glei­chen Jahr­zehnt durch den Ein­satz von Bat­te­ri­en und Com­pu­ter­chips. Mit den „Hand­held-Kon­so­len“ wur­de ein Spiel­zeug ent­wor­fen, das kei­ne Spiel­part­ner mehr ver­lang­te, son­dern bei dem ein vir­tu­el­ler Geg­ner mit­tels Steu­er­tas­ten be­zwun­gen wer­den muss­te. Die hand­li­chen Ge­rä­te mit klei­ner LCD-An­zei­ge und piep­si­ger Sound­ku­lis­se be­sa­ßen in der Re­gel kei­ne aus­tausch­ba­ren Mo­du­le, so dass nur ein Spiel pro Kon­so­le „ge­zock­t“ wer­den konn­te. Der Durch­bruch der Hand­held-Kon­so­len er­folg­te 1989 mit der Ein­füh­rung des „Ga­me Boy“ der Fir­ma Nin­ten­do, der welt­weit über 118 Mil­lio­nen Mal ver­kauft wur­de.

Funktionen von Spielzeug

Gesellschaftsspiel Weltreise, 1950er Jahre
Foto: Hans-Theo Gerhards/LVR

Ne­ben den rein un­ter­hal­ten­den und lehr­rei­chen Funk­tio­nen von Spiel­zeug ist es auch im­mer Spie­gel des Zeit­geis­tes. In Spiel­zeu­gen wie der Bar­bie­pup­pe, aber auch Play­mo­bil oder Le­go, und in den vi­su­el­len Wel­ten et­wa auf Spiel­bret­tern re­prä­sen­tie­ren sich Ge­schlech­ter­rol­len, Kör­per­bil­der und nor­mier­te so­zia­le Rol­len, die über das Kin­der­spiel­zeug ver­mit­telt wer­den. Zeit­ge­nös­si­sche Ent­wick­lun­gen in mo­der­ner Ar­chi­tek­tur und Ma­schi­nen­bau drü­cken sich in Bau­sät­zen aus, wie bei­spiels­wei­se die Eta­blie­rung des Flug­zeugs als Ver­kehrs­mit­tel. Im Be­reich der Rei­se­spie­le wan­der­ten die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer um 1900 noch vor­wie­gend auf ei­nem Spiel­brett durch den Harz oder Thü­rin­gen. Mit zu­neh­men­der ge­sell­schaft­li­cher Mo­bi­li­tät ent­wi­ckel­ten die Her­stel­ler Brett­spie­le, wel­cher die Spie­ler ab den 1930er Jah­ren erst ganz Deutsch­land und spä­ter die gan­ze Welt be­su­chen lie­ßen. Dass Spiel­zeug auch zu ei­nem Po­li­ti­kum wer­den kann, zeigt sich in den noch bis zum En­de der 1950er Jah­re in der DDR pro­du­zier­ten Rei­se­spie­len, die die Spie­ler durch die ver­schie­de­nen Kon­ti­nen­te führ­te. Mit Bau der Mau­er en­de­te die Pro­duk­ti­on sol­cher Spie­le, um kein ver­geb­li­ches Fern­weh zu schü­ren. Über die im Spiel­zeug dar­ge­stell­ten Rea­li­tä­ten hin­aus, bie­tet es aber auch Pro­jek­ti­ons­ebe­nen für Träu­me und Fas­zi­na­tio­nen der Men­schen. Frü­he Bau­käs­ten von Land­häu­sern stell­ten et­wa ein idea­li­sier­tes Land­le­ben für die da­mit spie­len­den Stadt­kin­der dar, das so nicht exis­tiert hat. Auch durch Ki­no­block­bus­ter aus­ge­lös­te Mas­sen­trends, wie et­wa die durch Fil­me wie „Star War­s“ oder „Ali­en“ En­de der 1970er Jah­re auf­tre­ten­de Be­geis­te­rung für Sci­ence-Fic­tion, drück­te sich im Be­reich der Hand­held-Kon­so­len durch ei­ne un­über­schau­ba­re Viel­zahl an Welt­raum­spie­len aus.

Spielzeug heute

Handheld-Konsole, 1980 - 1985
Foto: Hans-Theo Gerhards/LVR

Ob­wohl heu­te vie­le Kin­der und Ju­gend­li­che im Kin­der­zim­mer viel Zeit beim Spie­len am Com­pu­ter ver­brin­gen, ha­ben klas­si­sche For­men des Spiel­zeugs, wie et­wa das Ge­sell­schafts­spiel, nichts von ih­rer Fas­zi­na­ti­on ver­lo­ren. Auch Le­go oder Bar­bie er­freu­en sich mit im­mer neu­em Fi­gu­ren­re­per­toire un­ge­bro­che­ner Be­liebt­heit. In­ter­es­sant zu be­ob­ach­ten ist, dass die Al­ters­gren­zen für Spiel­zeug in den letz­ten Jahr­zehn­ten deut­lich an­ge­stie­gen sind. Da­bei ist zu kon­sta­tie­ren, dass so­wohl tra­di­tio­nel­le Spiel­for­men wie das Brett­spiel als auch mo­der­ne Com­pu­ter­spie­le ver­stärkt von Er­wach­se­nen ge­spielt wer­den. Um 1900 en­de­te die Kind­heit auf dem Land und in den Ar­bei­ter­haus­hal­ten für die meis­ten Her­an­wach­sen­den mit der Schul­ent­las­sung und dem an­schlie­ßen­den Ein­tritt in das Er­werbs­le­ben. So lie­ßen, be­gin­nend mit et­wa dem 14. Le­bens­jahr, lan­ge Ar­beits­zei­ten und die da­mit ver­bun­de­nen phy­si­schen Stra­pa­zen kei­ne Zeit und kei­nen Raum mehr zum Spie­len. Heut­zu­ta­ge wer­den „Er­wach­se­nen­spie­le“ von den Her­stel­ler­fir­men ex­pli­zit ent­wi­ckelt und auf Spie­le­mes­sen und im Spiel­wa­ren­han­del an­ge­bo­ten.

Weiterführende Literatur

Wie­se, Gi­se­la (Hrsg.): Spiel­wel­ten. Ei­ne Aus­stel­lung zu Spie­len und Spiel­zeug. Ehestorf 2016.

Haus der Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (Hrsg.): Spiel­Zeit­Geist. Spiel und Spiel­zeug im Wan­del. Mün­chen-New York 1994.

Fa­ber, Mi­cha­el (Red.): Kind­heit - Spiel­zeit?. Füh­rer durch die Aus­stel­lung mit den Samm­lun­gen H. G. Klein, Ma­ria Jung­hanns. Köln 1993.

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